Meditation
„… Jesus sieht wissend und wachend über den andern hin. Er weiß mehr. Er kennt Traurigkeit und Schmerz des Lebens. Er durchschaut Abgründe und Leidenswege. Er weiß, wie schwer das Leben sein kann, welchen Weg der Mensch gehen muss. Er selber weicht dem allem nicht aus. Er hält Dornen und Disteln aus, Schweiß wie Blutstropfen, Verlassenheit, Angst, Tod. Er trägt. Er flieht nicht in himmlisch paradiesische Geborgenheit. Er geht den Weg mit wissenden Augen.
Der andere, Johannes, hat sein Ohr vertrauensvoll an Jesu Herz gelegt. Johannes hat die Augen geschlossen. Schläft er wirklich? Nein. Es ist ein konzentriertes Lauschen. Er will hören bei Jesus, was er nicht erfährt, wenn er die Augen aufreißt und hier und da hinschaut, dies und jenes hört.
Ein Lauschen nach innen.
Und dann die behutsame Berührung, mit der Jesus die Hand um die Schulter des Johannes legt und seine Rechte unter die suchende Hand des Johannes schiebt. Vertrauen und Glück der Geborgenheit; Zuneigung und Zusammengehörigkeit: das sind die Erfahrungen des Johannes.
Eine andere Art von Geborgenheit spricht aus diesem Bild. Nicht die des Kindes im Mutterleib oder auf dem Schoß. Eher wie eine Verbundenheit, eine Freundschaft.
Darin erfasst die Christus-Johannes-Minne das Wesentliche des Jesus von Nazareth, der Freund und Bruder wurde, der zärtlich und freundlich war, der die Menschenfreundlichkeit Gottes verkörperte. Johannes ist von Jesus angenommen; Er weiß wo er zu Hause ist.
Solche Verbundenheit ist eine andere, gewandelte Art von Geborgenheit. Verbundenheit, die stark und tapfer machen will für den Weg, den der Mensch zu gehen hat. „Ich gehe mit dir, auch durch's finstere Tal ...“
Jesus sagt im Johannes-Evangelium (14,27): „Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt ...“. „Meinen Frieden gebe ich euch. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
Aus der ersten Geborgenheit, der Geborgenheit des Paradieses, sind wir vertrieben. Aber wir können nicht leben ohne Verbundenheit und Geborgenheit. Die zweite Geborgenheit, deren Sinnbild Jesus und Johannes und ihre Verbundenheit ist, klammert Leid und Schuld, Scheitern, Bitterkeit und Tod nicht aus. Aber sie weist auf den, der mit uns - hindurch geht, weist auf den, der uns liebt, der unser Freund sein will.
In seinem Sinne ist dieser kleine Andachtsraum hier in der Bibelgalerie ein Ort des Vertrauens, der erzählt von der Geborgenheit, die wir Menschen bei Jesus Christus erfahren können.“
aus “Geborgen sein“ von Martin Achtnich, 1989
