Die Stuttgarter Gutenbergbibel

Die Schöpfung aus der Stuttgarter Gutenberg-Bibel

Die Biblia Latina: Gutenberg und ein Gemeinschaftswerk

Es überrascht, mit welcher Gründlichkeit und mit welch unternehmerischem Geschick beinahe 10 Jahre vor der Herstellung der B 36 in Bamberg der Druck der 42-zeiligen Bibel (B 42) in Mainz durchgeführt wurde. Sie ist das erste mit der beweglichen Letter gedruckte Buch des Abendlandes: Das Herzstück der dritten Ausstellung in der Bibelgalerie Meersburg von Ende August bis Anfang Oktober 2011 bildet ein Original der 42-zeiligen Biblia Latina (B 42) von 1454, die sogenannte Stuttgarter Gutenberg-Bibel, die ein bis auf eine Seite vollständig erhaltenes Papierexemplar darstellt.

In einer gut ausgestatteten Werkstatt mit den Setzkästen, Tischen, Regalen und (sechs?) Pressen arbeiteten unter Anleitung Gutenbergs sechs Setzer und zwei Drucker. Die Setzer mussten bis zu 2600 Bleilettern für eine Buchseite anordnen, es galt aus 280 verschiedenen Drucktypen auszuwählen, da Gutenberg die Angewohnheit der Schreiber, mehrere Buchstaben in einem Federstrich zusammenfassen, im Druckbild imitieren wollte. Nach dem Druckvorgang wurde der Satz auseinander genommen, um mit den Lettern die folgende Seite, meistens 42-zeilig, bisweilen auch mit 40 oder 41 Zeilen zu bearbeiten.

Römisches und Arabisches in Schwarz-Weiß, Rot und Blau

Bei der Anfertigung des vorzüglich erhaltenen Stuttgarter Exemplars wurde versehentlich die Seite mit dem Philemonbrief doppelt abgezogen und gedruckt, es entfiel dafür ein Abschnitt aus dem Kolosserbrief. Dieser wurde nicht nachträglich ergänzt: Der sogenannte Rubrikator, der die Aufgabe hatte, dem Schwarz-Weiß-Druck mit roter Tinte Überschriften, Buch- und Kapitelangaben hinzuzufügen, wurde angewiesen, aus Kostengründen die doppelt vorhandene Seite nicht auszumalen

Durch Europa und über Amerika bis nach Stuttgart

Von da aus lassen sich die Spuren der Besitzgeschichte allerdings nicht vollständig rekonstruieren. Sicher ist, dass auch dieses Exemplar einmal im Südwesten beheimatet gewesen ist, und zwar in Offenburg: Etliche, teils schwer entzifferbare Namenseinträge wurden – aus heutiger Sicht ohne Scheu vor dem kostbaren Buch – von Hand in die Initialen eingefügt. Sie dokumentieren Mitglieder des zur Heiligkreuzkirche gehörigen Chors während der Jahre zwischen 1594 bis 1613. Vermutlich haben Franzosen anlässlich der Einnahme und Plünderung Offenburgs 1689 die Bibel in Besitz genommen. Erst am Beginn des 19. Jahrhunderts tauchen die beiden Bände auf, diesmal in London. Sie wurden mit Saffian-Einbänden und üppiger Goldverzierung neu versehen, das Format der Seiten wurde beschnitten, als einer der Besitzer Goldschnitt aufbringen ließ. Später gelangte das Buch in das General Theological Seminary in New York. 1978 hat das Land Baden-Württemberg die Bibel zu einem Preis von ca. 4 Millionen DM ersteigert.

Die Miniatur und eine Spielkarte aus Mainz

Künstler, die die bedruckten Rohbögen auf Wunsch der Käufer verzierten, waren um 1454 teuer. Der unbekannte Erstkäufer des Stuttgarter Exemplars lebte vermutlich in Mainz und ließ in der Bibel lediglich die Initialen in verschiedenen Farbkombinationen oder teils durch Blattgold anreichern, während kunstvollere Bemalungen (Miniaturen) nicht ausgeführt wurden. Einzig am Beginn der Genesis befindet sich eine Illustration mit einer Tierdarstellung. Dieses Motiv ähnelt dem auf einer Spielkarte des „Mainzer Meisters der Spielkarten", was zur Aufhellung der Besitzgeschichte beiträgt.

Einträge in einem Initial

Rückkehr in die Bibelgalerie Meersburg als Herzstück der dritten Sonderausstellung 2011

1988 war es schon einmal gelungen, die Stuttgarter Gutenberg-Bibel, die in der Württembergischen Landesbibliothek beheimatet ist, für vier Wochen in der Schatzkammer der Bibelgalerie Meersburg einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren. Damals hatte Dr. Eberhard Zwink, der Leiter einer der weltgrößten Bibelsammlungen, auch Gelegenheit, das Prachtexemplar Bundespräsident Richard von Weizsäcker zu zeigen. 2011, fast 25 Jahre später, freut sich die Bibelgalerie über die Rückkehr der Gutenberg-Bibel unter der wissenschaftlichen Begleitung von Dr. Zwink.

Einband der Stuttgarter Gutenberg-Bibel
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